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Kirche oder Gemeinde? Ein zweidimensionales Modell

von Christoph E-Mail

Das Deutsche ist eine der wenigen Sprachen, in denen es gleich zwei Worte für die ekklesia, die Versammlung der Kinder Gottes, gibt: ?Kirche? und ?Gemeinde.? So alt wie dieses Doppelvokabular ist auch die Frage, welche der beiden denn nun die richtigere Bezeichnung für den Leib Christi, vor allem in seiner lokalen Ausprägung, sei.

Erschwerend kommt in der Diskussion oft hinzu, dass beide Terme heute oft wie technische Fachbegriffe benutzt werden--und dann auch noch in unterschiedlicher Art und Weise. Für Mitglieder einer Freikirche unterscheiden sich über diese Terminologie oft zwei unterschiedliche ekklesiologische Modelle, die Volkskirche und die freikirchliche Gemeinde. Für Menschen aus eher traditionellen Kirchen geht es bei den gleichen Begriffen meist mehr um verschiedene Organisationsebenen: Hier ist mit der Kirche eher die globale Organisation, mit Gemeinde ihre örtliche Niederlassung gemeint.

Meiner Meinung nach hilft es bereits sehr viel, wenn man beide Begriffe von ihrer Grundbedeutung her begreift. Das deutsche Wort Kirche kommt ursprünglich vom griechischen κυριακη, was so viel wie ?dem Herrn (κυριος) gehörend? bedeutet. (Möge jede unserer Gemeinden immer in diesem Sinn Kirche sein!) Gemeinde betont, wie unschwer zu erkennen ist, die gemeinschaftliche Dimension der Familie Jesu Christi an einem Ort. Man könnte also sagen, dass die beiden Begriffe unterschiedliche Ausrichtungen von Kirche/Gemeinde beschreiben: während Kirche etwas über die Gottesbeziehung der lokalen Versammlung sagt, beschreibt Gemeinde deren Beziehungen untereinander.

Nun könnte natürlich umgehend eine erneute Diskussion darüber beginnen, ob in der Kirche/Gemeinde der vertikale oder der horizontale Beziehungsaspekt eine stärkere Rolle spielen sollte. Hier kann sich jede der beiden Richtungen mit guten und sehr geistlich klingenden Argumenten hervortun. Diese werden jedoch alle nichtig, wenn man Kirche/Gemeinde als centered set, d.h. als auf ein gemeinsames Zentrum namens Jesus Christus ausgerichtet, versteht. Plötzlich wird dann nämlich deutlich, dass diese beiden Grundaspekte des Leibes Christi keineswegs orthogonal zu einander verlaufen.Im Gegenteil: Die Annäherung an das Zentrum Jesus Christus bringt auch die Mitglieder dieser Gemeinschaft enger zusammen.

 

Eigentlich hätte das jedem von Anfang klar sein sollen: Die Gemeinschaft der Gemeinde, die das Neue Testament mit dem Wort κοινωνια beschreibt, ist ja nun einmal nicht einfach eine wie auch immer bedingte Zusammengehörigkeit von Menschen, wie man sie auch in jedem Kleintierzuchtverein finden könnte. Nein, hier wird ja eine enge Gemeinschaft beschrieben, wie sie nur durch die Verbundenheit mit Jesus Christus überhaupt entstehen kann. Als Anfang und Grund dieser Gemeinschaft bringt nur er Menschen aus völlig verschiedenen Hintergründen zusammen in eine neue Familie.

Mit anderen Worten: Gemeinde kann gar nicht Gemeinde sein, wenn sie nicht auch gleichzeitig Kirche (dem Herrn gehörig) ist. Und Kirche kann gar nicht existieren, ohne sich auch gleichzeitig in ihrer Ausprägung als Gemeinde bemerkbar zu machen. Oder, um es mit Paulus zu sagen (Epheser 4,15): Wahrhaftige Liebe untereinander (Gemeinde) ist nur dort möglich, wo wir ?in allen Stücken zu dem hin wachsen, der das Haupt ist, Christus.?

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